Industrieller Stuhlbau in Neuhausen 1890 bis 2010

Geschichte der Sitzmöbelindustrie in Neuhausen und Umgebung

Ab der 1840-er Jahre siedeln erste Stuhlbauer in Neuhausen und Umgebung, nutzen die Wasserkraft ehemaliger Mahlmühlen oder Zeughämmer. Allerdings dümpelt die Entwicklung zunächst vor sich hin: 1878 gibt es lediglich 22 Stuhlbauer, dazu 126 Drechsler.

Der große, fast explosionsartige Entwicklungsschub, begünstigt durch Gewerbefreiheit, Eisenbahn- und Elektro-Anschluss, setzt ab 1890 ein: 1907 finden wir 123 Personen mit Stuhlbau befasst - nur sechs Jahre später, also 1913, sind in mehr als 20 Unternehmen bereits über 400 Beschäftigte tätig. Diese rasante, auch heute durchaus noch erstaunliche Entwicklung sei am Beispiel eines der führenden Unternehmen, Heinrich Eduard (H. E.)Seifert, festgemacht:

Bereits 1907 erhielt der Inhaber ein erstes Reichspatent für "einen um eine horizontale Achse drehbaren Bohrtisch für Stuhlsitzrahmen", weitere Patente folgten. 1927 errichtete Sohn Alfred Seifert ein eigenes Sägewerk in Jeber-Bergfrieden (Kreis Zerbst) für den Einschnitt von 7.000 fm Laubholz, welches zudem gleich vor Ort getrocknet wurde. Ein 25-to-Lastzug sicherte den Holztransport und belieferte im Gegenzug sieben eigene Auslieferungslager in ganz Deutschland sowie je eines in Zürich und Amsterdam. Mitte der 1930-er Jahre wurde die Polsterkooperation mit der soeben gegründeten Fa. Oskar Hänel, Heidersdorf aufgenommen, dabei gleichzeitig das Sortiment erweitert. Die hiesige Fa. Schuffenhauer bot zudem Bildhauer-Lohn-Arbeiten an. Mit 125 Produktionsarbeitern (und 7 Angestellten) fertigte Alfred Seifert um 1935 beachtliche 2.200 Stühle/Woche, d. h. ca. 100.000 Stück/Jahr.

Insgesamt haben wir zu diesem Zeitpunkt in ca. 25 Unternehmen an die 750 Beschäftigten im Stuhl- teilweise auch im begleitenden Wohnraummöbelbau (Fa. Carl Helbig).

Drei Betriebsenteignungen nach 1945 und 13 Verstaatlichungen 1972 schufen die strukturelle Basis des Werkes Neuhausen, welches zusammen mit den Betriebseinheiten in Geringswalde, Brand-Erbisdorf und Mulda als VEB Vereinigte Sitzmöbelindustrie (VSI) das Stuhlbauzentrum der DDR darstellte, mit bald 2.000 Beschäftigten annähernd 1 Million Stühle pro Jahr lieferte.Diese Sitzmöbel standen zu je einem Drittel der Bevölkerung im Inland zur Verfügung, gingen in den Export in´s sozialistische Ausland und in den sogenannten NSW-West-Export.

Die technisch-technologische Basis konnte dank der ortsansässigen Maschinenbaufirmen Löschner und Winterling, durch Bearbeitungsautomaten der Firma Zuckermann, Knoevenagel u.a.,mit zwei Großraumtrocknern á 20 m³ Fassungsvermögen auf den je neuesten Stand gebracht werden.

Einen maßgeblichen Entwicklungsschub brachte das 1976 mit 40 Mio Mark realisierte Ratiovorhaben, welches mittels einer hochmodernen Oberflächen- und Verpackungshalle mehrere bestehende Fertigungsstätten verband, die sich zugleich durch spezialisierte Arbeitsteilung auszeichneten. Bemerkenswert waren zudem der mit 2.200 m³ sehr große Schnittholzlagerplatz sowie das rollende Lager in Form von Stuhlwagen.

Das Wegbrechen aller Absatzmärkte 1989/90, verursacht u. a. durch den Wegfall staatlicher Preisstützungen, die Zahlungsprobleme in Osteuropa und die Orientierung der Bevölkerung auf vorwiegend "westliche" Waren führte zu einem radikalen Niedergang der Sitzmöbelindustrie.


Zwei Nachfolge-Unternehmen, die sich dem kompletten hochwertigen Innenausbau einschließlich Stuhlfertigung widmeten, meldeten im Jahr 2000 bzw. 2011 Insolvenz an. Stuhlfertigung vor Ort findet damit nur noch in Handwerksbetrieben statt. Berechnungen haben ergeben, dass in Neuhausen und Umgebung in den einhundert Jahren zwischen 1890 und 1990 ca. 36 Mio Stück Stühle hergestellt worden sind. In Zehnerreihen aufgestellt, ergibt dies eine Strecke von ca. 1,8 Tkm. In Luftlinie erreichen wir damit von hier die Südspitze Italiens.


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